Biographie von Heinz Frei

Mit 20 Jahren, bei einem Berglauf ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, brach ich mir auf Brusthöhe die Wirbelsäule, was die augenblickliche Querschnittlähmung auslöste. „Herr Frei, wir werden Sie hier auf ein Leben im Rollstuhl vorbereiten“ lautete die Aussage nach der Diagnose bereits am ersten Tag. Der Schock sass tief und war immens. Kann ich das? Will ich auf ein Leben im Rollstuhl vorbereitet werden? Ist ein Leben im Rollstuhl lebenswert? Fragen über Fragen, auch nach dem „Warum?“, begannen mich zu beschäftigen.
Es war anfangs enorm schwer, vieles „geschehen lassen zu müssen“. Dass ich nicht einschreiten konnte, liess die Abhängigkeit mehr als spürbar werden. Geduld lernen zu müssen, brachte gelegentlich die Verzweiflung näher – vielleicht war es der Selbsterhaltungstrieb, der in dieser Phase mein Sein bestimmte. Aber auch der Glaube daran, dass mit 20 nicht Schluss, Abstellgleis oder Sackgasse sein durfte, sondern noch ein paar bessere Tage auf mich zukommen sollten. In dieser Phase, in welcher mich Zweifel, Fragen und Verlust ohne Ende beschäftigten, wurde es für mich zur grossen Herausforderung, Selbstwert und Selbstverantwortung aufzubauen. Aus heutiger Sicht führte genau dieser Weg zu etlichen Erkenntnissen und zu wichtigen Lebenserfahrungen:

  • Ich musste erkennen, dass mein Körper trotz Einschränkung und Verlust mein „Kapital“ bleibt.
  • Ich wollte diesen Körper wieder gern haben mögen – wahrscheinlich auch eine Grundvoraussetzung dafür, dass ich eines Tages wieder eine Beziehung eingehen mochte, jemanden lieben konnte.
  • Ich musste mir eingestehen, dass ich zwar nie mehr „auf eigenen Beinen stehen kann“, sah aber die Chance „mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen“.
  • Realistische Zielsetzungen, keine „Luftschlösser“, sind wichtig und führen Schritt für Schritt zu Erfolgen – das Mögliche realisieren und nicht das Utopische träumen. Das bedingt jedoch auch, dass man sich eingesteht, dass gewisse Grenzen gesetzt sind. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir alle unsere eigenen „Grenzerfahrungen“ schon gemacht.
  • Die Wiederintegration in den Beruf war ein wichtiger Meilenstein: eine Aufgabe zu haben, beschäftigt zu sein und Selbstwert aufzubauen, „für etwas gebraucht werden zu können“ war zu dieser Zeit enorm wichtig.

All diese Tugenden und Erfahrungen sind nicht zuletzt Zeugen meiner sportlichen Errungenschaften und zeigen auf, dass mit Fleiss und Schweiss, mit Wille und Hartnäckigkeit, aber auch mit Emotionen und Enthusiasmus beinahe Berge versetzt werden können. Zu Beginn meiner „Entdeckungsreise“ hätte ich nie geglaubt, dass mein Leben derart viel für mich bereithalten würde. Die Lebensfreude hat mich dabei stets begleitet und mir auch gelegentliche Freudensprünge beschert – dies immer mit einer Prise Humor, Gelassenheit, Respekt gegenüber meinem Körper und einer grossen Portion Selbstverantwortung.
Heute bin ich wieder gesund und fit und verheiratet mit Rita. Zusammen haben wir zwei Kinder, Jan (24) und Tamara (21). Trotzdem frage ich mich ab und zu, was ich durch die Folgen meines Unfalls eigentlich verpasst habe im Leben? Habe ich durch meine „Entdeckungsreise“ nicht auch viel gewonnen?